PolDi - Politik Direkt in die Leopoldstadt

Armut im Überfluss

Überlebensstrategie: Containern

Sonntag 5. September 2010, von Hermine Katzer

Alle Menschen in Österreich könnten durch den erwirtschafteten Wohlstand ein würdiges Dasein führen. Doch es sind über eine Million Menschen in unserem Land von Armut betroffen, während an der Spitze der Gesellschaft wenige Vermögende immense Reichtümer besitzen.

In der Leopoldstadt begegne ich der Armut täglich. Als Mindestpensionistin bin ich selbst betroffen. Mit Statistiken und Berechnungen wird uns erklärt, dass die neue Mindestsicherung ausreicht, um Leben zu können. Doch es ist ein Leben in der Ausgrenzung. Es gibt zwar soziale Einrichtungen und bestimmte Unterstützungen, aber über diese wird kaum informiert. Außer im Internet, doch auch dieses muss man sich leisten können. Und für jede Hilfe müssen sich Bedürftige zu Bittstellern erniedrigen.

Dass ich ein halbwegs normales Leben führen kann, ist ein Zufall: Junge Studenten zeigten mir, wie das "Containern" funktioniert.

Eine Notmaßnahme

Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in der viel weggeworfen wird. Containern bedeutet nichts anderes, als diese weggeworfenen Produkte wieder aus dem Mistkübel zu holen. In Österreich stellt Containern prinzipiell keine Straftat dar, da Müll als "herrenlose Sache" gilt. Allerdings darf dabei selbstverständlich keine Sachbeschädigung (wie etwa das Aufbrechen von Schlössern) entstehen.

So versorge ich nicht nur mich selbst, sondern auch Freunde und Familien mit Kindern in unserem Haus. Für mich ist das Containern keine Lösung sondern eine reine Notmaßnahme. Denn über Armut wird in der Politik viel gesprochen, aber unternommen wird gegen sie nichts.

Was macht die Politik gegen Armut?

2010 ist das "Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung". Echte Strategien zur Armutsvermeidung sind aber auch bei noch so viel Eigenlob durch die Rathausmehrheit nicht erkennbar. Im Gegenteil! Die nächsten Belastungspakete werden während des Wahlkampfs noch verschwiegen oder abgestritten. Spätestens ab 2011 werden Steuererhöhungen und Sozialabbau auch in der Leopoldstadt deutliche Spuren hinterlassen: das Wohnungselend wird aufgrund vermehrter Delogierungen zunehmen und eine noch größere Anzahl unserer MitbürgerInnen in die Armutsfalle gestoßen. Die Reichen und ihre Freunde in der Politik lassen es sich weiter gutgehen. Und es stimmt, was Bertolt Brecht einst schrieb: "Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich."

Hintergrund
Produkte werden im Supermarkt weggeworfen, weil:
- bestimmte Lebensmittel am nächsten Tag nicht mehr verkauft werden können.
- das Ablaufdatum erreicht ist (obwohl es sich meistens um ein Mindest-Haltbarkeitsdatum handelt).
- die Verpackung angekratzt, beschmiert oder beschädigt ist (ohne dass der Inhalt betroffen ist).
- die Verpackung beschädigt ist und der Inhalt unbeschädigt offenliegt.
- die Produktpalette ausgetauscht wurde; wenn bestimmte Produkte nicht mehr verkauft werden, werden sie völlig unbeschädigt weggeworfen.
- Obst und Gemüse Druckstellen hat oder nicht mehr "schön" aussieht, obwohl es noch brauchbar ist (Selbst wenn es stellenweise nicht essbar ist, kann dies herausgeschnitten werden, was im Haushalt ohnehin gemacht wird).

Überfluss landet oft wegen "Überkalkulation" im Mist:
Lebensmittel werden strikt durchgeplant und festgefahren geliefert. Das heißt, unsere Lebensmittelindustrie beruht auf einer Art Planwirtschafts-Konzept, welches aufgrund von Verbraucher-Marktanalysen ein wenig flexibel ist. Meistens wird überkalkuliert: lieber zuviel Lebensmittel beim Händler bestellen als zuwenig. Es wäre ja "peinlich", wenn der Kunde plötzlich sein Lieblingsprodukt nicht mehr kaufen kann, weil es gerade ausverkauft ist. So bleiben sehr viele Konsumgüter übrig, wenn die nächste planmäßige Bestellung kommt. Was nicht verkauft sondern überkalkuliert wurde, kommt in die Tonne. (Quelle: Initiative gegen die Vernichtung von Lebensmitteln)


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