Heldenehrung - Darf ich am 8. Mai?

Donnerstag 5. Mai 2011, von Gerald Grassl

Am 8. Mai 2011, Jahrestag des letzten Kriegstages 1945 werden ab 15 Uhr, wie jedes Jahr, die deutschnationalen Burschenschaften am Heldenplatz eine "Heldenehrung" veranstalten. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wird die Totenrede halten.

Für mich ist der 8. Mai ein seltsamer Tag: Freude darüber, dass es der Tag des Ende des Nationalsozialismus im Jahr 1945 war, zugleich Gedenken an die - meinereins mag das Wort HELDEN nicht - dennoch (viel zu wenige) HELDEN, die sich MUTIG und CHARAKTERSTARK dem NS-Regime entgegenstemmten, ihr Leben opferten, Folter und Kaft „in Kauf“ nahmen, KZs durchlitten usw.

Wie gerne möchte ich am 8. Mai auf den Heldenplatz zum Burgtor gehen, um an diese HELDEN zu erinnern (denen VOR ALLEM das FREIE UNABHÄNGIGE NEUTRALE Österreich zu verdanken ist!!!).

Darf ich aber überhaupt dort hin? Zum Bedenken und Erinnern?

Darf ich mich am 8. Mai zum Burgtor begeben, um (nur als BEISPIEL) an den Arbeiter Otto Koblicek aus Wien-Simmering zu erinnern, der noch am am 5. April 1945, als SS-Soldaten in die Simmeringer Gaswerke kamen um sie zu zerstören, sich den Nazi-Fanatikern entgegenstellte, von den SSlern blutig geschlagen, in den Bauch geschossen und sterbend ins bombenzerstörte Olympia-Kino gezerrt, wo er schließlich durch einen Genickschuss getötet wurde. Aber das Gaswerk blieb gerettet. Er ist einer der wenigen Widerstandskämpfer, an den heute eine Gasse in Wien Simmering erinnert...

Ich möchte gerne am 8. mai zum Heldentor um die Zehntausenden gefallenen deutschen Wehrmachtssoldaten zu betrauern, die leider nicht die Courage der Widerstandskämpfer hatten - aber kann/darf man von jedem/jeder MUT einfordern? Hätte ich damals gelebt, mich zum Widerstand entschlossen, wäre dabei der GESTAPO in die Hände gefallen - nach der ersten Ohrfeige hätte ich sofort alles gesagt, ich bin feige, bin nicht mutig und maße es mir deshalb nicht an, andere wegen Feigheit zu VERURTEILEN - , und viele dieser Soldaten machten nur widerwillig mit. Viele leider aus Überzeugung (auch sie und erst recht sie betrauere ich!), die meisten waren jung, gehörten der Arbeiterklasse an, jede/r von ihnen hätte sich ein anderes Leben, ein Leben in FRIEDEN VERDIENT.

Sie waren Überzeugungstäter, Mitläufer, viele auch gegen ihren Willen in der Deutschen Wehrmacht. Aber waren sie „Helden“?

Die Deutsche Wehrmacht, die SS, ALLE Organisationen und Institutionen des NS-Regimes waren gewöhnliche (nein, sehr ungewöhnliche“) Verbrecherorganisationen! Kann es in Verbrecherorganisationen „Helden“ geben? Aber natürlich waren auch Sie „Opfer“, die zu betrauern sind. Sie waren Opfer ihrer Dummheit, Feigheit, Gewissenlosigkeit, ihres Unwissens oder Nicht-wissen-wollens, ihrer mangelnden Courage oder auch nur ihrer Hilflosigkeit.

Nur sehr sehr wenige leisteten innerhalb der Wehrmacht Widerstand. Wenn es in der Deutschen Wehrmacht „Helden“ gab, dann waren es – spät, aber doch – die Deserteure. Aber an DIE wird von Strache, Burschenschaften und Rechten und RechtsRechten Recken gewiss nicht gedacht.

Darf ICH am 8. Mai (ungestört von Deutschnationalen) überhaupt zum Heldentor des Burgtores, da ja andere – nämlich Deutschnationale - dort sind, derentwegen ich wahrscheinlich von der Polizei einen "Platzverweis" zu gewärtigen hätte? Ja und auch wegen denen (den – wie wir sie nennen - „Ewiggestrigen“) möchte ich gerne am 8. Mai zum Burgtor gehen. Sie betraure ich nicht, doch möchte ich ihnen mein BEDAUERN ausdrücken, da sie - viele von ihnen sind Akademiker - ein so schlechtes Elternhaus gehabt haben, dass es ihnen nie möglich war, die SCHANDE ihrer Vorfahren einzugestehen, die im Rahmen des NS-Terrors mitwirkten (oder vielleicht auch „nur“ sog. „Mitläufer“ oder „nur“ Arisierer oder – wie ihr ehemaliges IDOL Jörg Haider – Profiteure von Arisierungen, Judenmord und Judenvertreibung waren), oder mein bedauern, dass sie leider so einen mangelhaften Geschichtsunterricht hatten, oder mein bedauern, dass es ihnen einfach an (sozialer) Intelligenz fehlt...

Aber wird mir die Polizei es gestatten, am 8. Mai am Heldenplatz vor dem Burgtor meine Trauer zu zeigen?

Und ich möchte am 8. Mai ganz besonders heuer um all die vertriebenen und ermordeten Slowenen trauern, von denen so viele im BEWAFFNETEN WIDERSTAND FÜR EIN FREIES ÖSTERREICH KÄMPFTEN. Sie, die nach dem 1. Weltkrieg bereits von den Kärntner Gutsbesitzern belogen und betrogen wurden, erst recht nach dem 2. Weltkrieg, deren verbriefte Rechte bis heute NIE eingelöst wurden!

Sie, denen ich, du, wir, ihr dieses Leben heute in Frieden zu verdanken haben! Darf ich am 8. mai zum Heldentor am Heldenplatz um an sie zu erinnern? Ich möchte am 8. mai zum Heldentor am Heldenplatz gehen, um an die zehntausenden Gefallenen Soldaten der Alliierten zu erinnern, die um die Freiheit Österreichs fielen (von denen die Soldaten der Roten Armee um die Befreiung Österreichs den höchsten "Blutzoll" zu bezahlen hatten), deren Ziel es nicht bloß war, wieder die Grenzen vor 1939 herzustellen, sondern kompromisslos den Nationalsozialismus endgültig zu SCHLAGEN, den FASCHISMUS als "Ideologie" für alle Zeit (hoffentlich) weltweit als Herrschaftsform zu ächten.

Auch um an sie zu erinnern, möchte ich am 8. Mai zum Heldentor am Heldenplatz. Aber darf ich überhaupt?

gerald grassl