Asyl in Österreich - damals und heute

Dienstag 2. März 2010, von Paul Beneder

Ich bin 1969 geboren und war somit in den 1970ern in der Volksschule - in einer Gegend am West-Rand von Wien-Döbling. Vor dem Unterricht hat die Lehrerin mit uns täglich das Ritual "Wir begrüßen den Himmelvater: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen [Kreuzzeichen]" abgehalten. Wohlgemerkt: Das war eine ÖFFENTLICHE Volksschule der damals roten Stadt Wien, im Kindergarten daneben hatte meine Schwester die Tochter Bruno Kreiskys als Kindergarten-Tante.

Im Sachunterricht hat diese Frau Lehrerin uns/mir ein altruistisches Bild des Landes Österreich gezeichnet: Hier würden nämlich Menschen die aus ganz entsetzlichen, bösen Verhältnissen in anderen Ländern fliehen müssten (dort werde man wegen seiner Meinung eingesperrt oder auch nur, weil man an Gott glaube!) gerne aufgenommen und könnten fortan in Ruhe und Frieden hier bei uns leben.

Diese Idee hat mir schon als Kind gefallen, mir kam das gerecht vor: Wenn jemand seine Heimat verlassen muss, weil er dort nicht in Freiheit leben kann, muss man doch helfen. Die Identität von Österreich war für mich verbunden mit "anderen helfen, denen es schlechter geht als uns und sie gegebenenfalls bei uns aufnehmen": DAS war für mich das Land der Berge und das Land am Strome.

Die Flüchtlinge von damals waren - wie ich natürlich erst viel später realisierte - jene Menschen, die 1956 aus Ungarn, 1968 aus der CSSR und 1977 ebenfalls aus der CSSR geflohen waren: Flüchtlinge vor dem, was wir heute als den "Realsozialismus" bezeichnen, von vielen undiffenziert auch gerne als "der Kommunismus" bezeichnet.

Zeitsprung um 2 Jahrzehnte von den 70ern in die 90er: Wieder kommen Flüchtlinge, nicht in Wellen wie früher, sondern als konstanter Strom. Sie flüchten nicht oder nicht primär vor stalinistischer oder poststalinistischer Repression sondern ganz simpel vor Armut, Krankheit und Elend - verursacht von der kapitalistischen Ausbeutung ganzer Erdteile.

Und DIESE Flüchtlinge sind NICHT willkommen. Es sind keine GUTEN Flüchtlinge, die im "Kalten Krieg" vor der gefürchteten "anderen" Weltsicht fliehen und so eine offensichtliche Bestätigung dafür liefern, dass auf unserer Seite des Stacheldrahtes ja alles völlig in Ordnung ist. Es sind "BÖSE" Flüchtlinge, "Betrüger und Lügner", die sich angeblich heimtückisch in unser schönes Leben drängen wollen, uns scheinbar unseren wohlerworbenen Luxus und Wohlstand streitig machen.

Ich weiß, dass das eine vereinfachte Darstellung ist, aber ich will und kann hier kein Buch schreiben - was wohl nötig wäre, um dem Thema gebührend zu begegnen.

Und wenn ich mittlerweile davon überzeugt bin, dass die Existenz von Nationalstaaten eher dem Reichtum einiger weniger als der breiten Masse der Menschen nützt, schmerzt es mich doch ein wenig, dass das Bild der "Republik Österreich" aus meiner Kindheit, das Bild "Österreich als helfendes, liebevolles Land, freundlich zu allen Menschen in Not" verblasst und von der Realität eines Staates verdrängt wird, dessen Regierende gehässig und grausam agieren - die ohne Skrupel eine junge Frau, nach ihrer Sozialisierung und nach ihrer Mundart zu schließen eine Österreicherin, aus dem Land treiben wollen, nur weil sie das Pech hatte, im Kosovo zur Welt gekommen zu sein.

Nein, das ist nicht das Österreich, das ich vor 20 Jahren noch so gut gefunden habe.

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