Das gute Gewissen vom Vorgartenmarkt

Sonnabend 16. Juli 2011, von Nikolaus Lackner

Wenn politisch interessierte Menschen sich zu einem kleinen Protest zusammenfinden, kommt den Passanten meist die Rolle der stummen Beobachter zu. Nur wenige finden den Mut, sich näher zu informieren. Umso schöner ist es, wenn ein besonderer Mensch die Bühne betritt. Das geschah am 1. Juli in der Leopoldsstadt.

Ich sah die alte Frau schon von weitem auf uns zukommen. Sie ging am Stock, man sah ihr an, daß es ihr schon schwerfiel, kurze Strecken zu Fuss zu absolvieren. Doch auch wenn sie langsam näherkam - sie ging in unsere Richtung.

Als sie bis auf wenige Meter herangekommen war, erkannte ich auf ihrem Revers den gelben Button mit drei schwarzen Punkten. In diesem Moment hielt sie inne - es wirkte als würde sie die Geräuschkulisse aufzusaugen. Arbeiterlieder aus einer mitgebrachten Box. Der Wind, wie er die Blätter der Bäume, die roten Fahnen und die Infomaterialien zum rascheln und flattern brachte. Fetzen von Diskussionen und Gesprächen.

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Foto: Margit Leimer

Ich ging auf sie zu und begrüsste die Dame. Frau Machowetz, geboren 1916 in der Lasallestrasse und immer noch dort wohnhaft, ist zu 95% erblindet. Aber sie hört noch gut und unsere Anliegen interessierten sie, weshalb sie meine Einladung, sich zu setzen und etwas zu trinken gerne annahm. Und sie erzählte:

Endlich sei wieder etwas los am Vorgartenmarkt, denn dieser gehöre belebt. Seit frühester Jugend sei sie immer hier einkaufen gewesen und habe den Niedergang des Marktes miterlebt. Sie kommt trotzdem hierher, wenn sie etwas benötigt, weil sie, wie sie sagte "angewiesen ist auf ehrliche Menschen."

Frau Machowetz kann nicht zum Billa gehen, denn sie kann nicht erkennen, wo die gewünschte Ware gestapelt ist. Und sie erkennt das Geld in ihrem Portemonnaie nicht.

Also geht sie auf den Markt, zum türkischen Gemüsestandler, zum serbischen Fleischhacker. Denn dort kennt man sie und nimmt ihre besonderen Bedürfnisse ernst. Man behandelt sie mit Respekt. Sie muss zwar der Sprache wegen manche Bestellung wiederholen, aber sie bekommt immer was sie will. Danach reicht sie ihre Geldbörse über den Tresen, und der Standler nimmt sich nur das heraus, was sie ihm schuldet. Und er packt alles in ihre Tasche.

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Foto: Margit Leimer

Frau Machowetz ist auf ehrliche Menschen angewiesen, sagt sie. Und deswegen geht sie auf den Markt. Denn dort sind sie zu finden, die Standler mit persönlicher Bindung zu ihren Kunden. Und darum freute sich Frau Machowetz auch sehr darüber, daß wir uns als Kollektiv mit diesen solidarisierten, an jenem 1. Juli. Während nur wenige Meter entfernt eine ausländerfeindliche Partei kurzsichtig forderte, die Stände müssten von Österreichern betrieben werden und nicht von Ausländern.

Frau Machowetz kann nicht auf den ersten Blick erkennen, ob jemand irgendwie anders aussieht als die Mehrheitsbevölkerung. Doch mit dem Herzen sieht sie besser als viele von uns.

Ich begleitete Sie noch über die Strasse, verabschiedete mich und sah ihr noch lange nach, wie sie langsam aber bestimmt ihres Weges ging. Für mich war es einer der Momente im Leben, von denen man genau weiß, daß man sie nie vergessen wird.

Nikolaus Lackner, KPÖ Leopoldstadt

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