Wien-Leopoldstadt: Offener Brief an die Bezirksvorstehung

Für eine kritische Auseinandersetzung mit der Bezirksgeschichte

Freitag 6. Mai 2011, von KPÖ Leopoldstadt

Ein von 16 AktivistInnen unterzeichneter offener Brief an den leopoldstädter Bezirksvorsteher erreichte auch die KPÖ Leopoldstadt und PolDi. Die KPÖ-Leopoldstadt unterstützt - nicht nur aufgrund eigener Erfahrungen im antifaschistischen Widerstand - den Appell für eine den historischen Tatsachen entsprechende Darstellung der Bezirksgeschichte. Hier ist der offene Brief im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Bezirksvorsteher Gerhard Kubik!

Im Magistratischen Bezirksamt der L-Stadt hing bis zum 4. Mai 2011 eine Tafel, die vorgibt, einen Überblick über die Geschichte des Bezirks zu geben. Zur Beschreibung der Nazizeit steht dort nur Folgendes geschrieben:

"1939 Am 1. Oktober Abtretung Kaisermühlens. 1939-45 während des 2. Weltkrieges wurden 20% aller Wohnungen und fast alle Donaubrücken vernichtet."

Diese Darstellung verschweigt und verharmlost die Verbrechen der Nazis und ihrer Helfer_innen: 1938 lebten hier über 60.000 Jüd_innen sowie Menschen, die von den Nazis als solche kategorisiert wurden. Sie alle wurden verfolgt und vertrieben oder ermordet, ihre Wohnungen wurden "arisiert", die wenigsten Überlebenden sind zurückgekehrt. Wovon die Tafel ebenfalls nichts erzählt, sind der Raub jüdischen Eigentums, die Gewaltexzesse der Pogromnacht sowie die Zerstörung aller Synagogen im Bezirk. Stattdessen wird durch den zynischen Hinweis auf die "Vernichtung" von Gebäuden eine Täter_innen-Opfer-Umkehr betrieben.

Die Verbrechen an Jüd_innen haben im Zweiten Bezirk eine lange Geschichte: 1670 wurden die Jüd_innen erstmals aus dem Gebiet vertrieben. Die Synagoge wurde zerstört, auf ihre Ruine eine katholische Kirche gebaut. Zum "Dank" wurden Bezirk und Kirche nach dem Kaiser benannt, der die Vertreibungen und Pogrome veranlasst hatte. Beide, Bezirk und Kirche, tragen bis zum heutigen Tag den Namen dieser Person. Auch davon erzählt die Tafel nichts. Stattdessen findet sich dort der Eintrag:

"1670 wurde der untere Werd unter Kaiser Leopold I. in Leopoldstadt umbenannt. 1671 wurde die Kirche Markgraf Leopold I., dem Heiligen, geweiht, dem Patron des Landes und der Stadt."

Die Tafel, deren Geschichtsdarstellung bis ins Jahr 2004 reicht und demgemäß innerhalb der letzten sieben Jahre gestaltet und aufgehängt wurde, verleugnet die Verbrechen, die im Zweiten Bezirk an Jüd_innen begangen wurden.

Wir, die Unterzeichnenden, fordern Sie auf, die Verantwortlichen des Magistratischen Bezirksamts Wien L-Stadt anzuweisen, die geschichtsrevisionistische Tafel, die im Rahmen einer Kunstaktion am 4. Mai 2011 vom Künstler Eduard Freudmann abgenommen wurde (eine Dokumentation der Aktion findet sich hier: http://bezirksamtrevisited.blogspot.com), nicht wieder aufzuhängen. Vielmehr soll das an ihrer statt angebrachte Kunstwerk des israelischen Künstlers Menachem Lemberger mit dem Titel "Jewish Bravery" an dieser Stelle erhalten bleiben. Zusätzlich soll eine angemessene und den Tatsachen entsprechende historische Darstellung erarbeitet und in unmittelbarer Nähe des Kunstwerks aufgehängt werden, um die Bevölkerung der L-Stadt an die Geschichte ihres Bezirks zu erinnern.

Mit freundlichen Grüßen,

Sheri Avraham
Eduard Freudmann
Chris Gangl
Tatiana Kai-Browne
Lisbeth Kovacic
Niki Kubaczek
Elisabeth Mayerhofer
Katharina Morawek
Gin/i Müller
Nils Olger
Doron Rabinovici
Paul Stepan
Nora Sternfeld
Claudia Tomassetti
Irene Wallner
Luisa Ziaja

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