Wien, die lebenswerteste Stadt der Welt, odrrr?

Montag 7. Juni 2010, von Josef Iraschko, Bezirksrat für Wien Anders, KPÖ und PolDi

Wahlkampf ist! Die positiven Statistiken für die SPÖ-Mehrheitspartei in Wien häufen sich. Man muss ja nicht unbedingt an Winston Churchill denken („ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe“), um da misstrauisch zu werden.

Aber mich bewegt darüber hinaus noch die Frage, wie muss es da erst in anderen Städten zugehen, wenn Wien im Ranking an erster Stelle steht? Oder sind wir als Bevölkerung damit gar nicht gemeint, sondern ein ganz anderes Publikum?

Dann wäre das ja sehr bezeichnend, wenn diese aus dem Managerbereich stammenden Lobeshymnen zutreffen. Dann könnte ja damit gemeint sein, dass die Herrschenden in dieser Stadt alles für ihresgleichen tun, damit die sich zusammen mit den gutverdienenden EinwohnerInnen ja wohl fühlen. Könnte das auch ein Hinweis darauf sein: Wir haben unser Volk so gut im Griff, dass es sich noch bedankt, wenn es hinten und vorne beschissen wird? Oder hat beispielsweise das kürzlich erlassene Bettelverbot damit zu tun? Armut versteckt! Keine Angst ihr Manager, eure Augen werden nicht durch den Anblick von Armut, Elend, Obdachlosigkeit etc. beleidigt. Vielleicht sollte unser Herr Bürgermeister der Frau Ursula Stenzel (ÖVP-Bezirksvorsteherin im ersten Bezirk) empfehlen, den ersten Wiener Bezirk voll einzuzäunen, damit die gutsituierte Gesellschaft samt Statistik nicht durch Subjekte aus der Wiener Bevölkerung irritiert wird. Und hinaus brauchen sie schließlich nicht: Vom Flughafen in verdunkelter Limousine in die Innenstadt, und wenn die wertvollen Geschäfte und entsprechend feinen Essen getätigt sind, auf gleichem Weg wieder zurück.

Dazu passt auch die absurde Verwegenheit, dass erst kürzlich der Wiener Vizebürgermeister und Wohnbaustadtrat, Dr. Michael Ludwig, sich in die Tradition des "Roten Wien" einreiht und verlauten lässt: "Das ’Rote Wien’ der Ersten Republik ist das Fundament, auf dem wir die Zukunft bauen". Da steht die heutige Generation der Sozialdemokratie vor den Scherben ihrer Geschichte und betreibt Leichenfledderei: "Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen" (zitiert Ludwig), ein für das Jahr 1930 von Karl Seitz leidenschaftlich vorgebrachter und für die damaligen Leistungen der Sozialdemokraten durchaus berechtigter Ausspruch.

Aber Heute? Eine SPÖ-Führung, die alle inhaltlichen Ansprüche und Leistungen ihrer Vor-Vorgenerationen, verkauft und verraten hat: Seit 2004 wurde keine einzige Gemeindewohnung mehr gebaut, die Bank Austria wurde mit Hilfe der sozialdemokratischen Gewerkschaftsführung (Hundstorfer) samt allen Industriebeteiligungen der Spekulation preisgegeben, fast zehn Prozent der Wiener Bevölkerung leben in absoluter Armut, und da wagt es die SPÖ-Führung sich heute auf das „Rote Wien“ zu berufen?

Es stimmt schon: „diese Steine werden für uns sprechen“ aber dann nur mehr als Mahnmale und Kritik an der heutigen Generation der SPÖ.

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