Die KPÖ Wien im Straßenwahlkampf

Freitag 8. Oktober 2010, von Nikolaus Lackner

Bürgerkontakt - ein Wort bei dem viele PolitikerInnen der herrschenden Klasse oft Angstschweiß unter die dick aufgetragene Schminke kriecht und reflexhaftes Botoxlächeln ihr Gesicht einfrieren läßt, während sie an Desinfektionstücher denken. Nicht so bei der KPÖ. Jene von uns, deren Lohnarbeit dies zuläßt verbringen in diesen Tagen viel Zeit auf der Strasse. Und zwar gerade dort, wo die Probleme dieser Stadt, wie wir Sie benennen, so offensichtlich sind wie am Praterstern oder auch am Schwedenplatz.

Während andere Parteien Millionen für den Wahlkampf ausgeben, begnügen wir uns mit ein paar Flyern und uns selbst: Denn sichtbar zu sein in dieser Stadt ist wichtig. Nicht nur als KPÖ, die bei jeder freien Wahl seit Gründung der Republik am Wahlzettel steht, sondern als Menschen die sich für eine Idee engagieren ohne dafür materiell entlohnt zu werden.

Mehrere AktivistInnen trafen sich am Dienstag Nachmittag zu einer Flyeraktion am Schwedenplatz. Es hätte eine langweilige werden können, denn kalter Wind blies frierenden Passanten um die Nase und viele sahen so aus, als wäre Politik das letzte mit dem sie heute noch was zu tun haben wollten.

Das änderte sich schnell, als weitere wahlwerbende Parteien auftauchten. Nachfolgend die Berichte von drei der insgesamt sechs GenossInnen die Wind, Wetter und personeller Übermacht trotzend an der gelungenen Aktion teilnahmen.

Genosse P.:
"Zuerst waren wir ja noch Einzelkämpfer, die Leute aber sehr interessiert. Trotz extrem schlechtem Wetter.

Plötzlich sind SPÖ und - ja - auch die EFFEN aufmarschiert. Wobei die FPÖ massivst mit Bühne, Musik und vielen Verteilern aufgetreten ist. So kam natürlich die Frage auf: Bleiben wir hier oder kapitulieren wir vor der Übermacht. Wir haben uns dann für den "Kampf" entschieden, und es war gut so.

Während die SPÖ sich aufs Verteilen von Äpfeln konzentriert hat, und eigentlich ziemlich untergegangen ist (trotz enormem Personalaufgebot), haben wir gegen die Effen gehalten und mit Slogans wie "Gegen Rassismus, gegen Ausgrenzung, gegen dumpfe Hetze, KPÖ" oder "Ausstieg links, nicht rechts" bedeutend mehr freundliche Abnehmer unserer Flyer erreichen können als die Unsäglichen.

Schlußendlich haben wir dann vollends die Hoheit über den U-Bahn-Aufgang erreicht, indem wir die (Kugelschreiber usw.) verteilenden Blauen immer wieder vom Aufgang verdrängten und mit bereits besagten Slogans die konsternierten Leute auf eine Alternative aufmerksam machten... Sobald wir den Aufgang enterten, kapitulierten die Effen entnervt und verwundert, weil fast niemand ihr Material wollte.

Geerntet haben wir jedenfalls viele freundliche Blicke, viele sympathisierende Aussagen, der Großteil hat unseren Flyer genommen und bei den Blauen nur genervt den Kopf abgewendet.

Eigentlich haben wir die Aktion der FPÖ am Schwedenplatz zerstört, so mein subjektiver Endruck. Die SPÖ war quasi gar nicht existent, trotz Anwesenheit.

Ein schöner Tag geht für uns zu Ende, in der Gewissheit, wenigstens etwas die Kreise der Blauen gestört zu haben. Und vielleicht auch einige Sympathisanten gewonnen zu haben."

Gemossin H.:
"Eine Stunde waren wir (zu viert) mit unseren Flyern alleine beim Verteilen. Auf einmal kam die SPÖ mit einem größerem Aufgebot und danach gleich die EFFEN mit großem Wagen, riesigen Lautsprechern, viel Tam-Tam und unzähligen Verteilern.

Natürlich konnten wir nicht mehr ganz einfach den Menschen unsere Flyer nur mit einem "Danke" in die Hand drücken, sondern wir begleiteten das Verteilen mit den Worten: "gegen Verhetzung" und "gegen Rassismus". Viele Menschen die zuerst entnervt vorbeihasten wollten, stoppten ihren eiligen Schritt, versicherten sich mit den Worten GEGEN?, dass es nicht von den Blauen kommt und nahmen dann unsere Flyer mit einem erleichtertem, kumpelhaften Lächeln. Oft hörte ich die Worte: "Gut so" oder "macht weiter".

Natürlich waren auch Einige dabei, die mit starrem Blick vorbeigehastet sind, doch die blauen Verteiler sind ganz schön nervös geworden und einer versuchte sogar mit: "gegen Rassismus" sein Werbematerial loszuwerden. Nachdem das auch nicht so gut funktionierte, stellten sich Effen genau vor uns hin. Doch auch das nütze nichts, denn uns hatte der Ehrgeiz gepackt und zu Viert haben wir es geschafft, dass die anderen Werber nur noch hilflos herumgestanden sind,m dann haben sie eingepackt.

Leider haben wir viel zu wenig Leute und wir können nicht diesen Aufwand betreiben, doch so ein Minierfolg spornt an und da bekommt man ein wenig das Gefühl, dass die Menschen in Wien sich vielleicht doch nicht von primitiven Sprüchen und rassistischer Hetze verführen lassen. Wir kämpfen weiter!!!"

Genosse N.:

"Politische Arbeit dieser Art birgt auch einen nicht zu unterschätzenden Spaßfaktor, der sich umgehend in zusätzlicher Motivation niederschlägt...

Als die Herrschaften am Anfang Ihres Auftritts den unsäglichen HC-Strache Song spielten, trat ich auf die SPler zu und forderte Sie auf, gemeinsam mit uns die Internationale anzustimmen um ein hörbares Zeichen dagegen zu setzen. Es scheiterte schlicht daran, daß die den Text nicht konnten. Also haben halt wir den Part übernommen und schmetterten mit gereckter Faust "Völker hört die Signale ..."

Als sich, wie bereits geschildert, die beiden anderen wahlwerbenden Parteien mit unserem Elan konfrontiert sahen und an Ihre "Bühnen" und "Busse" zurückgezogen hatten, erschien auf der Rolltreppe vor mir der allseits bekannte Politpensionist Ex-EU Kommissar Franz Fischler.

Ich: "Ohh, schau, wen ma da begrüßen dürfen! Grüß Sie, Herr Kommissar! Darf Ich Ihnen einen Folder von der KPÖ überreichen?"

Fischler begrüßte mich mit Handschlschlag, nahm grinsend den Folder und sprach: "Kämpft´s weiter!" bevor er geschwind in die Volksbank gegenüber stampfte. Detail am Rande: Als sein nicht zu übersehender Körper hinter der Glastür verschwand, sagte einer der 4 SPler mit den Apfelkörberln: "Woa des ned der ...der ... der Dings..." Conclusio: Wer zu langsam ist zum denken ist, muss Obst verschenken.

Gegen Ende der Aktion ging ich auf einen der "Alten Herren" von den Rechten zu. Trenchcoat (Nicht aus Leder, aber eindeutiger Schnitt), graue Haare und anscheinend ganz respektabler Fechter, denn seine Schmisse waren nur aus der Nähe erkennbar.

Ich gab Ihm die Hand und bedankte mich bei Ihm für den geregelten und demokratischen Ablauf der Wahlwerbeaktion ohne gegenseitige Störung und Behinderung im aktiven Sinne. Das war gelebte Demokratie.

Der Mann wollte mich wohl abwerben, so sehr schmierte er mir Honig ums Maul, selbst meine Hinweise auf grundsätzliche politische Auffassungsunterschiede blieben von Ihm unwidersprochen ("Mid de Banken homs eh Recht, Jo unter Schwarz Blau hat die Korruption geblüht wie nie", etc). Blau gekleidete Menschen aus dem Wahlkampftross standen wortlos mehrere Meter entfernt und schwiegen betreten. Wir hatten ihnen schlicht die Show gestohlen."

KPÖ wirkt. Überlassen wir den Rattenfängern nicht kampflos die Strassen! Denn diese Stadt und dieses Land haben Widerspruch nötiger denn je! Stellt euch dem Diskurs denn unsere Argumente sind überlegen, auch wenn wir keine laute Stimme sind in diesem Geschrei von allen Seiten, allein unsere Präsenz zeigt auf, dass ein anderer Weg möglich ist.
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