Rote Fiaker und blau-braune Boliden

Dienstag 5. Oktober 2010, von Samuel Edelstein

Als gelernter Österreicher ist man ja in Wahlkampfzeiten schon einiges gewöhnt. Aber die letzten Tage hatten es wieder einmal in sich. Frischgewählte FP-Mandatare kündigen an, dem Nationalsozialismus gegenüber neutral zu sein. In meinem Postkastl finden sich drei (!) an mich adressierte Comics in denen Kinder Steine auf Türken werfen und linksdenkende Menschen die Rolle des arbeitsscheuen Gesindels ohne patriotischen Anstand übernehmen. Nun könnte man einwenden: wir sind es ja schon gewohnt, daß die Menschenrechte im Vorfeld einer Wahl noch weniger wert sind als danach. Wäre die Sache diesmal nicht etwas komplizierter.

Lassen Sie uns das Bild eines Autorennens bemühen.

Die angetretenen Teams im Rennen hatten über viele, viele Rennen hinweg eine Art stillschweigendes Abkommen getroffen: Die einen fahren links, die andern in der Mitte, und wieder andere rechts. Nur in Ausnahmefällen wurden gefährliche Spurwechsel durchgeführt, meist kurz vor der Ziellinie. Das Endergebnis blieb über Jahrzehnte gleich.

Dann kamen die 90er Jahre und alles wurde anders. Mit Entsetzen nahmen die Teammanager zur Kenntnis, daß ein kleines Team sich immer am Pannenstreifen rechts aussen vorbeischob und so von Rennen zu Rennen bessere Ergebnisse erzielte.

Was tun? Man probierte es lang mit Nichtbeachtung und Drohungen verschiedener Art. Nichts half den Rennern auf der rechten Spur mehr als das. Dann zerstitten sich die Chefs des abtrünnigen Teams und ein neuer Rennstall wurde gegründet, er hatte den selben Motor und die selben Fahrer, nur waren die Autos jetzt Orange.

Bei nahezu allen Rennen in der Provinz blieb dieser Rennstall ohne Erfolge, das Wagerl erreichte nie sein Ziel ausser im leidgeplagten Koroska, dem damals gerade die Sonne abhanden gekommen war.

In diesem Rennen befinden wir uns in der Zielgeraden und ein Blick nach rechts macht nachdenklich. Fast alle noch im Rennen befindlichen Teams fahren so weit rechts, daß viele von Ihnen schon im Schotterbett Ihre Wagerln beschädigen.

War der Fahrer "Kunibert Ritter" in seinem blauen Gefährt es Jahrelang gewohnt, rechterseits vorbeizuflitzen, stellte er diesmal fest, daß die Spur alles andere als frei war. Da kam von links "Christine Streng" in ihrem schwarzen Lackboliden (Teamintern auch Geilomobil genannt) und drängte Ihn ab.

Er konterte meisterhaft mit typischen Manövern, die lange, braune Bremsspuren hinterließen. Unerwartet tauchte jedoch rechts von Ihm ein Hindernis auf: Ein oranges Seifenkisterl mit einem neuen Fahrer, dessen Gesicht man schon irgendwo einmal gesehen hatte. Nun drängten sie sich also alle auf der rechten Spur, bis sie dort im braunen Morast zum Stillstand kamen und nur knapp links von Ihnen ein rosa-roter Fiaker grinsend Richtung Ziellinie fuhr. Knapp hinter ihm war immer wieder mal eine junge Dame auf einem grünen Fahrrad darum bemüht, mit auf den Kutschbock genommen zu werden.

Und je näher die Ziellinie kam, desto sicherer wurde sich das traditionsreichste Team im Rennzirkus, welches mit dem dunkelroten Automobil schon seit Gründung der Rennserie immer ganz links fährt, daß denen allen eigentlich die Rennlizenz entzogen gehört.

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