Wiener Mauerfall

Montag 29. Juni 2015, von Michael(a) Heindl

Es ist schön, mitten in Wien zu wohnen. Besonders in einem der Altbauten in den Bezirken um den Kern der Stadt.

Während jedoch Bezirke wie z. B. Josefstadt und Neubau schon traditionell zu den eher bürgerlichen Bezirken zählen, war bis vor nicht allzu langer Zeit die Leopoldstadt Heimat einfacher Familien. Noch vor 30 bis 40 Jahren prägten Gründerzeithäuser, denen man ihr Alter auch ansah, das übliche Bild.

Nahe dem Stadtzentrum, verkehrsgünstig gelegen und mit einem großen Anteil von Grünflächen zu Erholung und sportlicher Betätigung für den stressgeplagten - dafür gutverdienenden - „Yuppie“ oder „BoBo“, hat die Leopoldstadt an Beliebtheit gewonnen. Schick, repräsentativ und mit allem Komfort muss es sein.

Jahrzehnte nach Beginn dieser sogenannten Gentrifizierung mangelt es immer noch nicht an Nachfrage. Mehr Platz soll es sein. In Wien benötigen wir auch wirklich mehr Wohnraum - viel mehr. Genau dieser Umstand, dieses lebensnotwendige Bedürfnis, wird zum Mittel, um Gewinn zu machen. Es gibt kein Verhältnis von Bedürfnisbefriedigung und Geschäft: es geht ausschließlich um Profit. Ungenutzte potentielle Wohnflächen wie leerstehende Dachböden sind profitgeilen Immobilienspekulanten ein Dorn im Auge. Ein Aufbau muss her!

Da sich „einfache Menschen“ solch renovierte Wohnungen gar nicht leisten können, müssen die AltmieterInnen erst einmal raus aus den Wohnungen. Wie brutal das ausfallen kann, sehen wir z. B. am Haus in der Mühlfeldgasse 12 (Video: „Ein Fall für Resetarits“, zum Nachlesen).

Jetzt hat diese Profitgier aber noch eine andere Seite. Auffallend ist die Zahl der Mauereinstürze in Wien. Auffallend ist auch, dass es sich sehr oft um Einstürze bei Renovierungen im, oder im angrenzenden Haus handelt. Von 2010 bis 2014 gab es 1800 Strafanträge wegen Verfehlungen am Bau. Aus unterschiedlichsten Gründen ist bei jeder 50. Baustelle eine sofortige Baueinstellung erforderlich.

Bevor saniert oder ein Dachaufbau genehmigt wird, muss ein Statiker bzw. Zivilingenieur prüfen, ob die Gründerzeithäuser diese Sanierungen und Aufbauten überhaupt aushalten. Die Häuser sind meist 100 Jahre und älter. Nicht alle Normen und Regelungen der EU sind „über den Kamm geschert“ unsinnig. So sind im „Eurocode 8“ (Auslegung von Bauwerken gegen Erdbeben) Richtlinien zu Bauarbeiten festgelegt. Und Wien liegt in einer Erdbebenzone.

Die Statiker bzw. Zivilingenieure haften für ihre Beurteilung der Baumaßnahmen zwar persönlich, sind jedoch vom Bauherren, der seine Interessen mit dem Immobilienspekulanten teilt, bestellt. Da Profitgier von ihrem Wesen her unbegrenzt ist, kann von einer gewissen Risikobereitschaft ausgegangen werden.

Bild links: http://fm5ottensheim.blogspot.co.at

Von aussen mag es bestimmt auch für Fachleute schwierig sein, einen zweistöckigen Dachbodenausbau wie er jetzt in der Mühlfeldgasse 12 zu sehen ist zu beurteilen. Für Laien wirkt es jedoch bedrohlich, wenn man sich vorstellt, wie diese zwei aufeinander gestapelte Bauten bei einem Erdbeben reagieren. Wir können nur hoffen, dass hier alles korrekt abläuft und die Arbeiten nicht der Vorgeschichte des Hauses entsprechen!